Flügel über Dune Park – Octave Chanute und seine Begleiter

Eines der drei Erprobungszentren in Nordamerika zum Ende des 19. Jahrhunderts im Bereich der Flugtechnik war eine Gruppe von Experimentatoren, die sich in Chicago um den Franko-Amerikaner Octave Chanute (1832-1910) scharrte und sich Mitte der 1890er Jahre intensiv mit der Erprobung von Gleitflug-Apparaten befasste. Aus dieser Gruppe ging auch eines der wichtigsten Fluggeräte vor den Brüdern Wright hervor, der Chanute-Herring-Gleiter. Octave Chanute war Bauingenieur, Geschäftsmann und begeisterter Luftfahrt-Enthusiast, dessen Ruf und Ansehen in der Luftfahrtgeschichte weltweit bis heute hervorragend etabliert ist. 

Octave Chanute (1832-1910)
Modifizierter Lilienthal-Gleiter 1895
Chanute-Doppeldecker 1897
Mitte der 1890iger Jahre befassten sie sich intensiv mit der Erprobung von Gleitflug-Apparaten. Aus dieser Gruppe ging auch eines der wichtigsten Fluggeräte vor den Brüdern Wright hervor, der Chanute-Herring-Gleiter. 

Der Eisenbahningenieur und Brückenbauer Chanute begann bereits ab 1878 umfangreiche Informationen zum Thema „Fliegen“ zu einer kleinen Bibliothek zusammen zu stellen, schenkte dieser Sammlung aber aufgrund seiner umfangreichen beruflichen Tätigkeiten und seiner praktischen Versuche in den darauf folgenden Jahren weniger Beachtung. Dieses Kompendium von Beiträgen vieler internationaler Experimentatoren zur Entwicklung des Fliegens, zusammengefasst in seiner Bibliothek in Chicago, war wohl eines der Komplexesten seiner Art in der Welt.

Elf Jahre waren vergangen, als nach einer Studienreise nach Europa, der damalige Präsident des Vereins Amerikanischer Ingenieure, Octave Chanute, seine Sammlung in einer amerikanischen Fachzeitschrift veröffentlichte. Unter dem Titel „Progress in Flying Machines“ („Fortschritte auf dem Gebiet der Flugmaschinen“) wurde sein Werk neben Lilienthals Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ zu einer Art Bibel der Flugtechnik und behandelt kritisch alle Luftfahrt-Experimente, die bis zu diesem Zeitpunkt bekannt waren.

Geboren 1832 in Paris, emigrierte er mit seinem Vater im Jahre 1838 und wurde in einer Privatschule in New York City erzogen. Obwohl er keine formale Ausbildung als Bauingenieur erhalten hatte, machte er dennoch Karriere in verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen. Im Jahr 1863 wurde er Chefingenieur der Chicago & Alton Railroad.

Octave Chanute hatte umfangreiche Kontakte zu vielen Forschern und Pionieren der Luftfahrt und stellte so etwas wie eine Zentralfigur für den Austausch von Erfahrungen im Bereich der Flugtechnik dar, auch zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Einige Jahre später wandten sich sogar die Gebrüder Wright mit ihrem ersten Motorflug-Projekt an Chanute, um Erfahrungen und Tipps des Ingenieurs einzuholen, denn sie wurden besonders durch die Arbeiten von Lilienthal und Chanute inspiriert. Aus diesen Konsultationen entwickelte sich eine jahrelange Freundschaft.

Chanute führte unzählige Versuche mit verschiedenen Tragflächen- Formen durch. Sein Leiterdrachen mit einem Diagonal-Rahmenwerk, ähnlich den Trägern einer Eisenbahnbrücke, zeigte die besten Testresultate. Der aus drei kastenförmigen Hargrave-Drachen zusammengefügte Gleitflieger war sehr flugstabil und wurde danach von Chanute so groß gebaut, dass ein Mann damit sich in die Luft erheben konnte. Als Chanute seinen Mann tragenden Doppeldecker-Gleiter fertig gestellt hatte, war er bereits über 60 Jahre alt und zu der Überzeugung gekommen, die Flugversuche nicht mehr selbst ausführen zu können.

Er engagierte Flug begeisterte Männer als Assistenten, welche nicht nur den Lilienthal-Gleiter kannten, sondern auch eigenes Wissen und Erfahrungen zum Thema Fliegen mitbrachten.

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Unter anderem war da Augustus Herring, den er für die Mitarbeit an seinen Projekten ab Dezember 1895 gewinnen konnte. Herring konnte auf Erfahrungen aus der Zusammenarbeit von Samuel P. Langley zurück greifen, auch wenn diese Zusammenarbeit nur für kurze Zeit funktionierte. Des Weiteren waren der Schreiner William Avery und William Paul Butusov, ein Flieger mit russischen Wurzeln, mit von der Partie.

Der Maschinenbauingenieur Augustus Moore Herring (1865-1926) experimentierte schon seit längerer Zeit auf dem Gebiet der Flugtechnik und erwarb unabhängig von Chanute auch einen Lilienthal-Gleiter. Dies geschah aber bevor beide ihre gemeinsame Arbeit planten. Herring hatte schon als kleiner Junge vom Fliegen geträumt. Geboren wurde er im Jahre 1865 als Sohn eines wohlhabenden Baumwollhändlers in Georgia. Im Jahr 1883 zog er mit seiner Familie nach New York City und besuchte dort das Stevens Institute of Technology. Seine Diplomarbeit hatte zum Thema »Die Flugmaschine als Maschinenbau-Problem«. Diese Arbeit wurde aber als „zu weit hergeholt“ vom Institut abgelehnt. Er verließ das Institut ohne einen Abschluss. In den frühen 1890er Jahren lebte er weitgehend auf Kosten der Eltern und hatte so sehr viel Zeit mit Segelflug-Modellen intensiv zu experimentieren.

Im Jahr 1892 brachte er erstmals sein Doppeldecker-Flugzeugmodell zum Fliegen, welches durch einen so genannten Gummi-Motor angetrieben wurde. So bekam er in New York die erstmalig die Aufmerksamkeit der Presse und von Octave Chanute zu spüren, der mit seinen Experimenten mit dem erfolgreichen Lilienthal-Gleiter von sich reden machte. 1895 war ein ereignisreiches Jahr für den jungen Mann.

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