Die erste Flugmaschine mit Benzinmotor von Wilhelm Kress
Nicht nur Maxim präsentierte der Fachwelt im Europa der Jahrhundert-wende außergewöhnliche Konstruktionen von Flugapparaten. In Wien lebte damals ein Mann namens Wilhelm Kress (auch „Kreß“, 1836 – 1913), ein Ingenieur und Flugpionier, der sich schon im Jahre 1864 mit Papierdrachen und deren Weiterentwicklungen beschäftigte. Er hat als Erster in Europa einen Benzin-Motor für den Antrieb seines Flugzeuges verwendet und erfand den „Steuerknüppel“ zur kombinierten Steuerung.
Der in St. Petersburg geborenen Kress war gelernter Klavierbauer stellte Studien zum Antrieb von Drachenfliegern an. Er baute, ähnlich wie Pénaud, Flugmodelle mit Propellern und der Antrieb erfolgte durch ein gedrilltes Gummiband. Zum Ende des Jahres 1864 hatte er sein erstes Motorflugmodell fertig gestellt. Es war aber noch zu schwer für den Gummiantrieb und konnte nicht selbstständig fliegen. Erst im Jahre 1877 baute er sein erstes flugfähiges und Motor getriebenes Modell, das in der Grundkonzeption dem Planophore von Pénaud ähnelte (Deutsches Patent- Nr. 8706). Seine Forschungen und Experimente waren sehr umfangreich und schlossen auch den Bau von Hubschrauber- und Schwingflügelmodellen ein.
Er war aktives Mitglied des Wiener Flugtechnischen Vereineins und konnte erstmalig die umfassenden Ergebnisse seiner Untersuchungen im Jahre 1892 der Wiener Maschinenbau Gesellschaft vortragen. Er nannte sein Flugmodell „Aeroveloce“ und anders als Pénaud versah er es mit zwei Flügelflächen-Paaren, welche in Tandem-Bauart über dem Rumpfgestell angebracht war. Dieses Modell war die Grundlage für den Bau eines großen Flugapparates, den er 1893 entwarf. Die Gesamtflügelfläche sollte 68 m² betragen und zwei gegenläufige Propeller mit einer Größe von 3,48 m im Durchmesser sollten dieses Gerät antreiben. Einen abgewandelten Entwurf erstellte Kress im gleichen Jahr in der Form, dass er zwei Flügel-Paare mit gleicher Größe über den Rumpf anbrachte und eine kleine vorgelagerte Steuerfläche über dem Rumpfbug anbrachte. Der bootsförmige Rumpf unterhalb der Flächen war ähnlich gestaltet wie beim ersten Entwurf und knapp 11 m lang. Die Größe der Gesamtflügelfläche betrug jetzt aufgrund der angepassten Fläche 84 m². Die Flügelflächen konnten ebenfalls bis zu einem Winkel von 3° angestellt werden. Insgesamt waren die Flügelflächen höher über dem Rumpf angesetzt, die Form blieb aber die gleiche. In der Juli-Ausgabe 1894 des “Aeronautics“ wurde das Projekt veröffentlicht und von Octave Chanute aufmerksam studiert. Seiner Einschätzung nach war die Antriebskraft des vorgesehenen Motors zu gering.
Nachdem Kress mit der finanziellen Unterstützung der österreichischen Regierung 1895 den Bau eines Elektro-Hubschraubers begann, wurde 1898 in Wien eine so genannte „Kress-Interessengemeinschaft“ gebildet, die den Bau eines Manntragenden Motorflugzeuges organisieren und die veranschlagte Summe von 20000 Kronen durch Spendensammlungen aufbringen sollte. Kress entschied sich für den sofortigen Bau der Großausführung. Obwohl er schon 1895 durch persönlichen Beobachtungen von der besseren Lilienthal-Methode Kenntnis hatte, verfiel er der Überzeugung die Erprobung der Flugeigenschaften seines Flugapparates überspringen zu können.
Zwischen 1900 und 1901 begann er mit dem Bau eines der interessantesten Flugzeuge vor den Brüdern Wright. Nicht dass zwei Flügelflächen-Paare genug gewesen wären, nein, er setzte noch ein Paar dazu, sodass die Gesamtflügelfläche jetzt 94 m² betrug. Alle Tragflächen waren leicht gewölbt und in Treppenform hintereinander angeordnet. Hinter den Tragflächen waren etwas größere Höhen- und Seitenruder angebracht, ähnlich wie bei den beiden Vorgängerprojekten. Die gesamte Stahlrohr-Konstruktion wurde auf zwei nicht abgestufte Schwimmer gesetzt, welche aus Aluminium-Blech gefertigt waren. Die Unterseite der Schwimmer war verstärkt ausgeführt um diese auch als Schlittenkufen für Versuche auf dem Eis nutzen zu können. Kress hatte die Absicht sein Flugzeug auf dem Wasser zu erproben, da er annahm, dass bei einem möglichen Schaden dieser relativ gering ausfallen würde. Der aus der Stuttgarter Motorenschmiede Daimler gelieferte Motor sollte die beiden elastischen Propeller zwischen dem zweiten und dritten Flügelpaar antreiben. Geplant war ein Benzin-Motor mit 40 PS und einem Gewicht von max. 200 kg. Daimler lieferte aber einen 10 PS schwächeren Motor der obendrein noch 180 kg schwerer war und 15000 Mark kosten sollte. Alle theoretischen Berechnungen für das Fluggerät waren somit hinfällig.
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